Ökologische und energetische Revitalisierung »Am ehemaligen Kapuzinerkloster« in Wasserburg a. Inn
Ausgangslage
Das Grundstück mit ca. 2.814 m² Fläche liegt am Ende einer
Sackgasse in innerstädtischer Lage, direkt am Inn gegenüber der
historischen Altstadt. Beim Kauf durch den Investor, der Peter
Dörr Stadthaus Bau- u. Sanierungs GmbH, im Jahr 2002 lag folgender
Baubestand vor:
- Eine ca. 500 m² große Werkhalle, ehemals eine Weberei-Manufaktur.
- Zwei in der Denkmalliste als Einzeldenkmäler aufgeführte Gebäude:
- Die »Sommerwirtschaft« im rückwärtigen Grundstück. Ein
ca. 200 m² großes brettverschaltes Fachwerkhaus aus der
2. Hälfte des 19. Jahrh., das damals in den Sommermonaten
als Gartenwirtschaft mit Biergarten diente;
- Der historische Bauernhof als Querriegel an der Zufahrt zum
Grundstück. Ein aus dem 18. Jahrh. datierter Einfirsthof mit
breit gelagertem Wohnteil mit Gewölberäumen im EG und
OG; einer gemauerten Mitteltenne und der Westtenne mit
Durchfahrt zum Grundstück in Holzbauweise.
Unmittelbar angrenzend an das Grundstück sind noch zwei interessante
Gebäude zu erwähnen:
- Ein villenartiges Gebäude aus dem 18. Jahrh., wohl ehemals
Gaststätte zu der die Sommerwirtschaft gehörte, jetzt als Einfamilienhaus
genutzt.
- Eine turmartige ehemalige Mühle, jetzt als Wohn- u. Gewerbegebäude
genutzt.
Wie zu sehen, ein Ensemble ungewöhnlicher historischer Gebäude
in unmittelbarer Altstadtnähe.
Bauaufgabe
Die Aufgabenstellung des Investors war eine Bebauung nach folgenden
Kriterien:
- Entsprechend der innerstädt. Lage eine mittlere bis hohe
Wohndichte durch Ausbau der beiden denkmalgeschützten
Gebäude und Abbruch der Halle mit Herstellung von Ersatzbauten.
- Neubauten bzw. Umbauten des Bestands mit attraktiven Wohnungsgrundrissen
und individuellen Frei- und Gartenflächen
für jede Wohneinheit.
- Ausführung nach ökologischen Kriterien, sowohl was die Baustoffauswahl,
als auch den Energieverbrauch betrifft.
- Erstellen einer internen Zufahrtsstraße mit begrünten Freiflächen
mit min. 2 Pkw Stellplätzen pro Wohneinheit.
Randbedingungen
Die Vorgaben durch die örtlichen Gegebenheiten und durch die
vorgesehene Bebauung bestimmten maßgeblich das Konzept
der Energieversorgung:
- Die Zufahrt zum Grundstück ist nur durch die Tenne des Bauernhofes
möglich. Die Breite und die Höhe der Durchfahrt
schränken die Größe von Lieferfahrzeugen ein.
- Durch die »Enge« des Grundstücks ist das Wenden von
größeren Fahrzeugen nicht möglich. Die Ausfahrt ist nur rückwärts
durch die Tenne denkbar.
- Eine optimale Platzausnutzung für die Neubauten, den Bauernhof
und die nicht unterkellerte Sommerwirtschaft ist erforderlich,
um eine wirtschaftliche Verkaufsbasis und die Fläche
für die geforderten Stellplätze zu erreichen.
Energiekonzept
Wegen der Randbedingungen wurde das Konzept eines Nahwärmeverbundes
festgelegt. Die Heizung wird im Kellergewölbe des
Bauernhofes installiert.
- Kein Flächenverbrauch für Brennstofflagerung und Wärmeerzeugung
in den neuen Gebäuden.(Gewinn von Nutzfläche)
- Direkter Wohnflächengewinn in der nicht unterkellerten Sommerwirtschaft.
- Keine Kamine nötig. (Keine Kaminkehrerkosten, Reduzierung
der Wärmeverluste)
- Das Einfahren und Rangieren von Brennstoff-Lieferfahrzeugen
durch die Tenne entfällt. Der Brennstoff wird direkt vor der Zufahrt
entladen.
- Hochwertige und kompakte Wärmedämmung um den Energieverbrauch
und die Schadstoffemissionen zu minimieren
und - ganz wichtig - für die Zukunft auch niedrige Betriebskosten
zu erreichen.
- Alle Wohneinheiten (auch in den denkmalgeschützten Gebäuden)
sollen mindestens dem Standard des KfW 60 Energiesparhauses
entsprechen.
- Alle neuen Gebäude sollen auf Wunsch des jeweiligen Bauherrn/
Käufers auch auf den KfW 40 Standard optimiert werden
können. (Verstärkte Dämmung)
- Die zusätzliche Installation einer Lüftungsanlage, einer solaren
Trinkwassererwärmung oder einer Fotovoltaikanlage
muss möglich sein.
- Umliegende Nachbargebäude dürfen sich an den Nahwärmeverbund
anschließen.
- Die Basis für die Energieversorgung wurde zunächst zweigleisig
angedacht:
- Holz als nachwachsender Brennstoff. Durch die räumlichen
Gegebenheiten schieden Hackschnitzel aus. Als Brennstoff
wurden Pellets festgelegt.
- Zwei mit Erdgas betriebene BHKW-Module in Verbindung
mit einer Brennwerttherme (60 kW) als Spitzenlastkessel.
Aus dem zeitlichen Verlauf des Energiebedarfs lässt sich leicht
ablesen, dass sich bei kompakt gedämmten Wohnhäusern ein
BHKW derzeitig nicht rechnet. Der Wärmebedarf ist im Sommer
zu gering, und kann durch zusätzliche Warmwasserkollektoren
noch weiter verringert werden.
Damit stand die Pelletsheizung zur Versorgung des Nahwärme-
Verbundnetzes fest.
Umsetzung
Nach ca. einjährigem Planungs- und Abstimmungsprozess mit
den Behörden wurde von unserem Planungsteam und dem Investor
folgende Bebauung umgesetzt:
- Ausbau der »Sommerwirtschaft« mit ca. 270 m² Wohnfläche;
komplette Erhaltung und Restaurierung des Fachwerks und
des Dachstuhls.
- Ausbau des histor. Bauernhofes mit ca. 680 m² Wohnfläche
durch Sanierung des Mauerwerks und des Dachstuhls.
- Abbruch der Halle u. Errichtung von 5 geräumigen Reihenhäusern
(je ca. 145 m² Wohnfläche) mit Gartenteil u. Dachterrasse
im Innstadt-typischen Grabendach.
- Garagen u. Carports mit Dachbegrünung; alle Flächen versickerungsfähig.
- Das Energiekonzept wurde wie vorgeschlagen umgesetzt. Alle
Gebäude, auch die Denkmäler, entsprechen dem KfW 60
Standard. Ein Bauherr hat den KfW 40 Standard umgesetzt
und zusätzliche eine Lüftungsanlage mit WRG eingebaut.
- Eine Fotovoltaik- und 3 Warmwasserkollektor-Anlagen wurden
errichtet.
- Ein zusätzliches Nachbargebäude wurde an das Nahwärmenetz
angeschlossen.
Zusammenfassung / Ergebnis
Durch die kompakte Bauweise der Bestandsgebäude und der
Neubauten, in Verbindung mit einer optimierten Wärmedämmung
und reduzierten Wärmebrückenverlusten, gelang es die ökologischen
und baubiologischen Anforderungen zu verwirklichen:
- Geschossfläche 2.294 m² GFZ 0,82
Wohnfläche 1.675 m²
- Höhere Kosten für Dämmung wurden durch die gemeinsame
Heizzentrale kompensiert.
- Nutz- u. Wohnflächengewinn durch Wegfall der einzelnen
Gebäudeheizungen.
- Hohe Raumbehaglichkeit durch hohe Oberfächentemperaturen
der Außenwände.
- Guter sommerlicher Wärmeschutz der kompakten
Dämmschichten.
- Niedrige Heiz- und Betriebskosten durch Reduzierung des Energieverbrauchs.
- Ökologische Auswirkungen
- Reduzierung der Schadstoffemissionen
- Schonung von Ressourcen
- Kein weiterer Flächenverbrauch, bzw. sogar Entsiegelung
von Flächen
| Zeile |
Nutzwärmekosten in Ct/kWh Pellets: 4,0 Öl 5,5 Erdgas 6,0 |
Pellets |
Öl |
Erdgas |
| 1 |
Fiktive Kosten für Heizung u. TW bei EnEV Standard (ca. 240 Mwh/a) |
9.600.– € (67%) |
13.200.– € (92%) |
14.400.– € (100%) |
| 2 |
Kosten für Heizung u. TW (160 Mwh/a) Realisierter Dämmstandard(Ausgeführt Pellets) |
6.400.– € (45%) |
8.800.– € (61%) |
9.600.– € (67%) |
| 3 |
CO2-Einsparung gegenüber EnEV-Standard mit Ölheizung (= 74.640 kg/a) |
ca. 88% (= 65.680 kg/a) |
ca. 47% (= 35.120 kg/a) |
ca. 33% (= 24.880 kg/a) |
Tabelle: Darstellung der Kosten für Heizung und Trinkwassererwärmung (TW) für alle zum Projekt gehörenden Gebäude
- Zeile 1:
- Kosten bei Ausführung nach aktueller Energieeinsparverordnung
- Zeile 2:
- Kosten der energieoptimierten Ausführung
Die Prozentangaben geben die Relation zur Ausführung nach EnEV-Standard mit Erdgasheizung an.
- Zeile 3:
- CO2-Einsparung gegenüber der Ausführung EnEV-Standard mit einer Ölheizung
Innovation
Die Innovation dieses Projekts liegt sicherlich nicht bei den eingesetzten
technischen Komponenten, sondern in der konsequenten
energetischen Vorplanung, unter Einbezug aller wesentlichen
Stellen u. Komponenten. Selbst unter schwierigsten Bedingungen
(Denkmalsanierung) und bei Bauträgermaßnahmen
sind erhebliche Energieeinsparungen und Umweltentlastungen
möglich. Die gesamt-positiven Faktoren gehen über das »nur« regenerative
Energien einsetzen, weit hinaus.
Die hohe Wohnraumqualität, die Qualität des Baugebietes, die
niedrigen Betriebskosten und der schnelle Verkaufserfolg aller
Wohneinheiten beweisen dies.
Mit jedem weiteren, auf diese Art umgesetzten, Projekt sinkt die
Abhängigkeit von Energieimporten, die Wirtschaftskraft bleibt in
der Region und die Umweltentlastung ist erheblich. - Ziel muss es
sein, viele solcher o. ähnlicher Projekte zu verwirklichen.
Architekten und Bauplaner: Q5 |
Dipl. Ing. Arch. Richard Kröff
Heisererplatz 14
83512 Wasserburg am Inn
Tel. 08071-924100
www.kroeffrichard.de
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Dipl. Ing. (FH) Rainer Kutzner
Beuerberg 13
83083 Riedering
Tel. 08036-2165
www.ibrk.de
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