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Rosenheimer Solarförderverein

Neue Energie für Stadt und Landkreis

Neue Energie
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Neue Energie - Lokale Verantwortung

Vortrag beim "Markt der Möglichkeiten" am 3. Mai 2003 mit Agendagruppen und Solarinitiativen aus dem Landkreis Rosenheim.

Neues wagen

"Neue Energie für das Rosenheimer Land". Das ist das Motto des Rosenheimer Solarfördervereins. Und unter diesem Motto steht auch die heutige Veranstaltung. Lassen Sie mich zu Beginn einige Gedanken dazu vortragen.

Neue Energie – in diesen Worten steckt ein Aufbruch, ein Wagnis. Neue Energie ist kraftvoll, aber eben auch neu und ein wenig unbekannt. Neue Energie heißt, Altes und Gewohntes über Bord zu werfen. Es gilt, sich aus eingefahrenen Denkmustern zu befreien und neue Wege zu beschreiten.

Es gilt, die Sachzwänge in Frage zu stellen, denen die heutige Welt zu gehorchen scheint, und die doch nur menschengemachte Grenzen sind. Es gilt, Zusammenhänge aufzudecken und bewusst zu machen, Zusammenhänge, wie der zwischen Öl und Krieg, und neue Zusammenhänge herzustellen, beispielsweise zwischen erneuerbarer Energie und sozialer Gerechtigkeit.

Neue Wege zu gehen, das ist immer mit Unwägbarkeiten verbunden, und das erfordert Mut in einer Welt, in der doch alles berechenbar oder wenigstens versicherbar sein soll.

Blicken wir ein Stück zurück, denn auch dieser Blick kann hilfreich sein, wenn es um den Aufbruch zu einem neuen Ziel geht.

Das Zusammenleben der Menschen untereinander und das Miteinander von Mensch und Natur war stets geprägt von einem kleinräumigen Beziehungsgeflecht. Familie und Dorfgemeinschaft stellen die Grundlage des täglichen Lebens dar. Auf dieser Ebene war das Beziehungsgeflecht für den Einzelnen wahrnehmbar und begreifbar. Der Dorfschmied wusste, er war auf den Bauern angewiesen, der ihm die Kartoffeln lieferte und der Bauer wusste, dass der Schmied ihm die Pferde beschlagen konnte.

Heute kaufen wir Kartoffelchips im Supermarkt und wer könnte da noch sagen, er würde die Zusammenhänge verstehen, die hinter diesem Produkt und seinem Weg vom Acker in die Plastiktüte stecken. Statt selbst das Wechselspiel von Geben und Nehmen, von Miteinander und füreinander zu verstehen, müssen wir der Wirtschaft glauben, die uns sagt, sie habe all das noch im Griff. Welche Wege, welche Verarbeitungsschritte hat die Kartoffel hinter sich, bis sie als Chip zu uns kommt. Und wie viele zusätzlichen Schritte und Produkte sind notwendig, bis die Ware beim Verbraucher ist: Transport, Verpackung, Werbung, und vieles mehr.

Je komplexer die Entstehungsgeschichte eines Produktes ist, umso weniger begreifen wir die sozialen Auswirkungen und Spuren, die das Produkt auf seinem Weg vom Acker in das Supermarktregal hinterlässt. Am Ende wissen wir gar nicht mehr, was wir da eigentlich einkaufen, und was unser Einkauf an Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit sich bringt. Wir haben den Bezug zu den einfachen Zusammenhängen verloren. Die Globalisierung der Industrie hat uns die Kompetenz entzogen, unsere eigenen Lebensgrundlagen zu durchschauen. Wir nehmen das hin, kapitulieren vor der Komplexität der Welt, und verlieren damit auch das Gefühl der Verantwortlichkeit für diese Entwicklungen, das Gefühl der Verantwortlichkeit für die Folgen unseres Handelns.

Ich denke, da hilft nur eines. Wir müssen die einfachen Wege – und damit unsere Verantwortung wiederfinden.

Komplexität

Die einfachen Wege: Die Welt ist heute voll von künstlichen, menschengemachten Ver-knüpfungen und Beziehungen. Voll von Sachzwängen. Sachzwang – diesem Wort sollten wir zuallererst misstrauen. Sachzwänge sind Bremsklötze des Handelns, sie sind Scheuklappen des Denkens.

Es sind nicht die Sachen, die uns zwingen. Es sind selbstgemachte Zwänge. Wer vom Sachzwang redet, wagt nicht, die Veränderung zu denken. Legen wir die Scheuklappen ab, richten wir unseren Blick auf die einfachen Zusammenhänge und ganz wichtig, setzen wir den Menschen in den Vordergrund. Technokratische Komplexität erzeugt undurchschaubare Zusammenhänge, ein Wirrwarr von Beziehungen und Abhängigkeiten, ein idealer Nährboden für Sachzwänge, und bedeutet gleichzeitig eine unzulässige Vereinfachung, eine Missachtung der natürlichen Zusammenhänge.

Die Konsequenz, die wir aus dieser Komplexität ziehen, heißt: Augen zu. Wir nehmen die Produkte so hin, wie sie uns angeboten werden und versuchen erst gar nicht mehr hinter die Kulissen zu schauen und Zusammenhänge zu verstehen. Die Komplexität der Welt für den modernen Menschen besteht oft nur noch darin zu durchschauen, ob das Donnerstags-Angebot bei Aldi nun billiger ist als die Dienstags-Aktion bei Lidl.

Die Welt ist ohne Frage ein komplexes System und es ist notwendig, sie als komplexes System zu betrachten. Wir müssen Vernetzung und Komplexität aber wieder neu begreifen. Dabei kommt es darauf an, die persönlichen und lokalen Zusammenhänge zuallererst zu begreifen und zu ordnen und sie in unsere Entscheidungen mit einzubeziehen. Hier spielen Agenda-Gruppen und Bürgerinitiativen als Mittler zwischen den Bürgern auf der einen Seite und der Politik und der Wirtschaft auf der anderen Seite eine ganz zentrale Rolle.

Lokale Vernetzungen

Diese lokale Ebene des Denkens und Handelns erlaubt es uns, komplexe Strukturen zu verstehen. Sie macht Zusammenhänge begreiflich. Zusammenhänge in der Nachbarschaft, im Ort, in der Gemeinde, im Landkreis, das müssen die primären Grundlagen unseres Handelns und unserer Entscheidungen sein.

Lokale Agenda passt genau in diese Ebene. Lokale Agenda setzt die Grundlagen für alle weiteren Schritte. Verständnis füreinander, aber auch Lernen voneinander ist dabei ganz wesentlich. Nur wenn wir lokal denken und agieren, können wir auch die regionalen und schließlich globalen Auswirkungen dieses Handelns erkennen. Nur dann können wir wissen, was wir wirklich tun. Die große Gefahr der Globalisierung sehe ich nicht darin, dass die Welt kleiner wird, sondern darin, dass Entscheidungen zunehmend die lokale Komponente, die Auswirkungen vor Ort missachten.

Angepackt!

Neue Energie für das Rosenheimer Land. Unser Motto stellt das lokale Handeln ins Zentrum. Projekte im Landkreis von Menschen hier aus der Umgebung für die Menschen hier vor Ort. Um Veränderungen zu schaffen, müssen wir unsere Verantwortung erkennen und wahrnehmen. Lokale Strukturen stärken und gegenseitiges Vertrauen fördern.

Was Agenda-Gruppen und Bürgerinitiativen hier anpacken, wirkt weiter. Es wirkt in die Welt hinaus, indirekt, oder auch ganz direkt wie das Solarkocher-Projekt, das die Agenda-Gruppe Neubeuern unterstützt. Es wirkt in die Zukunft hinein und schafft Strukturen, in denen ein ökologisches, sozial ausgewogenes und friedliches Miteinander möglich ist.

In diesem Sinne rufe ich jeden auf mitzumachen und mitzuarbeiten an einer lebenswerten Welt.

Martin Winter, 3. Mai 2003

© Rosenheimer Solarförderverein e.V. 14.02.2009